Richter, « der Widerspenstige »

richter_portrait_assis.jpgDer Titel des berühmten Films von Bruno Monsaingeon über Swjatoslaw Richter (1915-1997) fasst in wunderbarer Weise den charakteristischen Zug dieses außergewöhnlichen Künstlers zusammen. In der Liste der großen Pianisten belegt Swjatoslaw Richter nämlich, was das Musikalische anbelangt, aber auch als Denker und Mensch einen besonderen Platz. Zwölf Jahre nach seinem Tod kann er als einer der wichtigsten Pianisten unserer Zeit gelten. Sein Repertoire (Ende der 60er Jahre räumte er ein, 80 « mögliche » Programme für einen Auftritt in petto zu haben) war ungeheuerlich und wenn es einen Musiker geben mag, der nichts für Voreingenommenheit übrig hatte, dann ist es Richter!

Richter war ein « militanter » Künstler, der sich unheimlich für vergessene Komponisten einsetzte und dies mit der wesentlichen Tugend eines Musikers, dem Anspruch. Ein künstlerischer Anspruch, der keiner Schwierigkeit, sowohl bei der Auswahl der Werke wie der Interpretationsweise, aus dem Weg ging. Das Publikum, ob nun in Russland oder im Westen, war stets angetan von der Bescheidenheit und dem persönlichen Engagement, aber auch der musikalischen Kompromisslosigkeit dieses authentischen und einfühlsamen Pianisten. Dies erklärt, warum Richter schon sehr früh, nämlich kurz nach 1960 zur Legende wurde.

Richter war 1915 in Jitomir, in der Ukraine, in einer deutschstämmigen Familie geboren. Sein Vater war Organist und Komponist und gestaltete die evangelischen Gottesdienste in seiner Heimatstadt. Der Sohn verfolgte eine eher ausgefallene musikalische Laufbahn: eine in erster Linie autodidaktische Ausbildung, ein später Karrierebeginn mit totaler Ablehnung der durch die Schallplattenhersteller und Konzertveranstalter auferlegten Zwänge.

sviatoslar_richter_proust.jpgDer junge Richter begeisterte sich für Literatur, Theater und Dichtung und wurde mit sechzehn Jahren Korrepetitor an der Oper von Odessa. Im Jahr 1935, mit einem Alter, wo andere Pianisten ihre Ausbildung abschließen, kam er nach Moskau und trat am dortigen Konservatorium in die Klasse des berühmten Heinrich Neuhaus ein, mit dem er sieben Jahre lang arbeitete. Er befreundete sich mit Sergej Prokofjew, der ihn später mit der Uraufführung seiner drei großen Kriegssonaten betraute.

1945 trug Richter beim Klavierwettbewerb der Sowjetunion den 1. Preis davon, musste sich aber fast fünfzehn Jahre bis zum ersten Auftritt in der westlichen Welt gedulden. Als Allround-Künstler pflegte er neben Auftritten als Solist auch die Kammermusik (Klaviersonaten, -trios und -quintette) und war ein begehrter Liedbegleiter mit einem von anderen nie erlangten Repertoireumfang. Er trat mit den größten Musikern seiner Zeit wie mit Benjamin Britten am Klavier zu vier Händen, mit David Oistrach und Mstislav Rostropovitch, mit Dietrich Fischer Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf, und natürlich seiner Frau, der Sängerin Nina Dorliac, auf.

Jede seiner Aufführungen offenbarte sich als « Neuschöpfung » des Werkes. Stets strebte er nach Perfektion, dem Absoluten… Richter arbeitete hartnäckig, war nie ganz zufrieden. Er verbarg seine Leidenschaft hinter seiner Schamhaftigkeit und lehnte es entschieden ab, als Superstar eingestuft zu werden. Für ihn liefen wie für Chopin oder Rachmaninow Interpretationsprobleme nur auf eine Frage der Aufrichtigkeit hinaus.mains_richter_proust.jpg

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